„Ich trat meinem Täter gegenüber. Ich wollte es. Ich musste ihm in die Augen sehen. Es war ein abstruses Gespräch, in dem er sich rechtfertigte, in dem er immer wieder auswich. Keine Spur von Reue war zu erkennen.“ Diese Sätze fallen in einem Gottesdienst. Ein Gottesdienst, der von Menschen gestaltet wurde, die sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche erfahren haben.
Drei Menschen teilen ihre Geschichten. Nicht alle wollen vor den Vertreter:innen der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) stehen, aber ihre Worte sollen gehört werden: „Ich habe erlebt, wie die Täter geschützt werden. Wenn du auf Grenzüberschreitungen hinweist, wirst du ausgegrenzt.“ So beschreibt eine Betroffene, was sie in ihrer Kirchengemeinde erlebt hat.
Auch Matthias Schwarz hat sexualisierte Gewalt als Kind erfahren. Seit Januar hat er immer wieder öffentlich über den Missbrauch gesprochen. Seidem haben weitere Betroffene sich bei ihm gemeldet. Er betont: „Wenn wir sehen, jemand hat den Mut, sich öffentlich darzustellen, haben wir als Betroffene selbst auch Mut gekriegt, uns zu outen.“
Matthias Schwarz hat inzwischen ein kleines Netzwerk von Betroffenen sexualisierter Gewalt in der evangelischen Kirche aufgebaut. Hier können Sie im geschützten Rahmen miteinander sprechen.
Die Tagung haben die Kirchenvertreter:innen genutzt, um den Betroffenen zuzuhören, im Gottesdienst, wie vor dem Plenum. Außerdem waren Betroffene so mutig, ihre Erfahrungen in kleinen Arbeitsgruppen vertiefend mit den Synodalen zu teilen.
Ein Thema, was wahrscheinlich niemanden kalt gelassen hat. Viele der Kirchenvertreter:innen sprechen von ihrer „Sprachlosigkeit“, der „Ohnmacht“ und der „Hilflosigkeit“, die sie empfinden. Manche auf der Synode haben ähnliche Erfahrungen gemacht, andere haben Menschen begleitet, die von sexuellem Missbrauch betroffen waren.
Eine Synodale berichtet davon, wie sie die Begleitung zerissen hat. Wie es sich anfühlt, wenn die Betroffene die Schweigepflicht in Anspruch nimmt. Wie es ist, wenn man zwar der Frau glaubt, aber trotzdem das Innere fragt: „Habe ich richtig entschieden?“
Aber das sei nur der erste Schritt. Kirchenmitarbeitende und -mitglieder müssten darin „geübt werden, was passiert, wenn ein Fall auftritt“.
Diese Fragen seien oft zwar theoretisch beantwortet, aber trotzdem in der Praxis zu unbekannt, sagt die Präses.
Außerdem stellt sie auch die Frage: „Wie ist unsere Verantwortung für das Umfeld?“ Denn wenn es betroffene Personen gäbe, „müssen wir davon ausgehen, dass es weitere Menschen in diesem Umfeld gibt. Dass es eine Risikostruktur in einer Gemeinde oder in einer Einrichtung gibt“.
In den Gesprächen auf der Synode fällt immer wieder der Wunsch, haupt- und ehrenamtliche Mitarbeitende der Kirche zu schulen und zu sensibilisieren. Der Umgang mit sexualisierter Gewalt und mit Missbrauch in der Kirche sei ein „Dauerauftrag“, sagt Birgit Pfeiffer.
Sie wünscht sich eine klare Haltung und „dass Menschen bei uns in einem geschützten Raum und niemandem ausgeliefert sind“. Schließlich solle Kirche der Ort sein, wo jemand sich „vertrauensvoll an Menschen, vor allem aber auch sich vertrauensvoll an Gott wenden kann“.